Patientengeschichten aus dem Maßregelvollzug

 

 

In der siebten Klasse kam Andrej N. nach Deutschland. Er lernte die neue Sprache, die er zuvor kaum kannte, schnell und legte vier Jahre später seinen Hauptschulabschluss mit gutem Ergebnis ab. Eine Lehre als Schlosser brach Andrej nach anderthalb Jahren ab, weil er sich überfordert fühlte. Auch ein zweiter Versuch im gleichen Unternehmen scheiterte. Bei der Bundeswehr wurde er nach kurzer Zeit wegen einer geringgradigen körperlichen Einschränkung ausgemustert.

Zurück im Elternhaus zeigte sich Andrej zunehmend aggressiv. Es kam zu Übergriffen. Nach der Schule hatte er an den Wochenenden Alkohol getrunken, nun trank er täglich. Ein Psychiater stellte bei ihm Alkoholmissbrauch fest, Behandlungsangebote lehnte der junge Mann aber ab.

Zunehmend litt er an psychosomatischen Beschwerden. Eine sozialpädagogische Betreuerin, die ihn regelmäßig begleitete, stellte paranoides Verhalten fest. Der konsultierte Psychiater beschrieb neben einer Angststörung bereits einen Verfolgungswahn, eine weitere Psychiaterin äußerte den Verdacht auf eine Psychose. Zu einer Behandlung war Andrej jedoch nicht bereit.

Eines Tages ordnete er Stimmen, die ihn vermeintlich beschimpften, einem zufällig entgegenkommenden Passanten zu. Er fragte ihn, was er denn von ihm wolle und stieß ihn weg, so dass der Passant auf die Straße stürzte. Ein Autofahrer konnte gerade noch bremsen. Das Gericht ging von versuchter Tötung aus und wies ihn wegen Schuldunfähigkeit in die Forensische Psychiatrie ein.

Im Maßregelvollzug verhielt sich Andrej auffallend autistisch zurückgezogen, nahm keinerlei Kontakt auf, sprach sehr wenig. Es dauerte fast ein Jahr, bis sich der Patient nach einem Wechsel auf ein hochwirksames antipsychotisches Medikament nach und nach öffnete. Immer noch wortkarg zeigte er sich zunehmend in der Arbeitstherapie interessiert, übernahm auf der Station Verantwortung und erledigte zuverlässig seine Aufgaben. Stufenweise erhielt er Lockerungen im Maßregelvollzug, durfte die Station in Begleitung verlassen.

Vor drei Jahren begann er im Krankenhaus eine Fachwerkerausbildung im Recycling. Motiviert und mit guten Leistungen nahm er Hürde um Hürde. Er musste zwar eine Zwischenprüfung wiederholen, konnte diesen Rückschlag jedoch gut wegstecken.

In den nächsten Wochen wird er – da sind sich Ausbilder, Bezugspflegekraft und Ärzte einig – die Abschlussprüfung bestehen. Danach wird er in seiner Heimatregion in einer nachsorgenden Einrichtung im Betreuten Wohnen unterkommen und zunächst in einer beschützten Werkstätte als Recyclingfachwerker arbeiten. Wenn es sich herausstellt, dass seine Belastungsfähigkeit ausreicht, kann er auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen.

Andrej freut sich auf dieses neue Leben. Die Behandlung hat angeschlagen. Er hat verstanden, dass er psychosekrank ist und seine Medikamente regelmäßig braucht. Zu zwei Mitpatienten hat Andrej ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Mit seiner Familie pflegt er wieder guten Kontakt. Alle acht Wochen darf er seit einiger Zeit mit Erlaubnis des Staatsanwaltes zu seinen Eltern heimfahren. Seit er in der Forensischen Klinik behandelt wird, hat er übrigens keinen Alkohol mehr getrunken. Sein behandelnder Arzt ist zuversichtlich: Während der Behandlung hat sich aus dem verschlossenen ängstlichen Patienten ein umgänglicher, freundlicher und selbstbewusster junger Mann entwickelt. Er wird seinen Weg machen.

 

(Quelle: Forensik-Fibel, 3. Auflage, 2012)

Als schuldunfähiger Straftäter wird der 30-jährige Herr S. nach einem Raubüberfall im April 2009 zwangseingewiesen in die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie.

Vorgeschichte
Nach Scheidung der Eltern und mehreren Umzügen beginnen in der Oberstufe des Gymnasiums die Probleme: Angst und Wahnvorstellungen, zunehmender Alkoholkonsum. Es folgen Schulabbruch, Obdachlosigkeit und mehrere Suizidversuche.

Diagnose
Paranoide Schizophrenie

Therapiemaßnahmen
Medikamententherapie, Psychotherapie, Kunst-, Ergo-, Sport- und Musiktherapie, Teilnahme an Sucht- und Sozialkompetenzgruppe

Behandlungsphasen
Herr S. durchläuft einen zehnstufigen Behandlungsplan, der in der hoch gesicherten Aufnahmestation „hinter der Mauer“ beginnt und mit wachsendem Therapieerfolg stufenweise Lockerungen vorsieht. Bereits nach einem Jahr sind bei dem Patienten Fortschritte deutlich, die einen Wechsel in eine halboffene Station „vor der Mauer“ rechtfertigen. Herr S. zeigt sich besonders engagiert bei der Arbeitstherapie mit Schwerpunkt Schreinerei in der klinikeigenen Werkstatt.

Rückschläge
Der bis zum Erreichen von Stufe 8 unproblematische Verlauf wurde durch eine Ausgangsüberschreitung, die als Regelverstoß i. S. einer Entweichung zu werten war, getrübt.
Herr S. hatte vom schlechten Zustand seiner schwer alkoholkranken Mutter erfahren und suchte sie auf, um sie von der Notwenigkeit einer stationären Behandlung zu überzeugen. Allerdings traf er sie zuhause nicht an. Er suchte sie daraufhin in Gaststätten und kehrte nicht zur vorbestimmten Zeit in die Klinik zurück. Von der durch die Klinik informierten Polizei ließ sich der Patient – in deutlich alkoholisiertem Zustand – widerstandslos zurückbringen.

Perspektive
Herr S. wurde nun in eine intensiver betreute Wohngruppe verlegt. Die bereits erlangten Lockerungen wurden ausgesetzt. Es folgte eine intensive Bearbeitung des Vorfalls, in deren Verlauf sich Herr S. konstruktiv mit seinem Verhalten in Krisensituationen auseinandersetzte. Nach erneuten Fortschritten gibt es eine gute Prognose, dass Herr S. Stufe für Stufe die nötigen Kompetenzen für ein Leben in Freiheit, anfänglich betreut durch die forensische Ambulanz, erlangen kann.

 

(Quelle: PZN Report 2011/2012)

Ein 37-jähriger Chemiearbeiter vermutet seit circa einem Jahr, dass seine Ehefrau ihn vergiften will, um eine Liaison mit einem seiner Arbeitskollegen einzugehen.

Bei der letzten Betriebsfeier hatte er bemerkt, dass seine Frau einmal mit dem Kollegen getanzt hatte. Um sich vor giftigen Gasen zu schützen, war er vor kurzem in das Dachgeschoss der Wohnung umgezogen und hatte sämtliche Lüftungsschächte, Fenster und Türen aufwändig abgedichtet.

Schließlich kommt es beim Mittagessen zwischen ihm und seiner Ehefrau zu einem Streit über den merkwürdigen Geschmack der Mahlzeit. Er fühlt sich in seinem Verdacht bestätigt, dass seine Frau ihn vergiften will. Plötzlich attackiert er seine Frau mit einem Messer. Durch eigene Gegenwehr und mit Hilfe des 14-jährigen Sohnes kann die Frau mit Schnittverletzungen an Armen und Händen entkommen.

In der Gerichtsverhandlung erkennt das Gericht aufgrund eines psychiatrischen Sachverständigengutachtens die Schuldunfähigkeit des Mannes an, der infolge einer akuten Psychose an Wahnvorstellungen leidet und daher aus seiner Sicht in Notwehr handelte. Da die psychische Erkrankung auch zum Zeitpunkt der Verhandlung besteht und von dem Mann weiterhin eine Gefahr ausgeht, ordnet das Gericht die Unterbringung in einer Maßregelvollzugsklinik an.

 

(Quelle: Broschüre „Therapie schafft Sicherheit“, MRV in Rheinland-Pfalz)

 

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