Patientengeschichten aus dem Maßregelvollzug

 

 

Als schuldunfähiger Straftäter wird der 21-jährige Herr M. nach versuchtem Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung im August 2011 in die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie zwangseingewiesen.

 

Vorgeschichte
Herr M. lebt mit seinem Vater und seinem Bruder in einem Haushalt. Die Schulzeit und eine Berufsausbildung schließt er erfolgreich ab. Während eines Urlaubs beginnen die Probleme: Angst und Wahnvorstellungen. Im häuslichen Umfeld erfolgt schließlich das Delikt.

Diagnose
Paranoide Schizophrenie

Therapiemaßnahmen
Medikamentöse Therapie, Psychotherapie, Arbeits-, Musik-, Sport- und Ergotherapie, Teilnahme am psychoedukativen Gruppentraining

Flucht
Herr M. wird zunächst im Neubau der besonders gesicherten Aufnahmestation aufgenommen. Dort gelingt ihm im September 2011 während eines begleiteten Hofgangs die Flucht, in dem er in Windeseile einen Mauersims im Innenhof empor klettert und in den benachbarten Wald entweicht. Noch am gleichen Tag wird er in einem Nachbarort von der Polizei aufgefunden und widerstandslos in die Klinik auf eine andere Station zurückgebracht. Auslöser für den Fluchtimpuls waren wahnhaft verarbeitete Eindrücke eines Tierfilmes, den Herr M. im Fernsehen gesehen, auf sich bezogen und als Zeichen gewertet hatte, sich wie ein Affe kletternd über Fassaden hinwegzubewegen.
Nach diesem Vorfall erfolgen umfangreiche Baumaßnahmen (u.a. Sicherungen mit Natodraht und modernster Überwachungstechnik), die eine erneute Flucht verhindern sollen.

Behandlungsverlauf
Die psychotische Symptomatik kann mittels medikamentöser Behandlung zum vollständigen Verschwinden gebracht werden. Herr M. nutzt Fachtherapien, die ihm helfen, seinen Tag sinnvoll zu strukturieren und die krankheitsbedingt eingebüßte Belastbarkeit zu trainieren. Bereits nach einem Jahr macht der Patient so gute Fortschritte, so dass erste Lockerungen erprobt werden. Danach durchläuft Herr M. einen mehrstufigen Behandlungsplan, der mit wachsendem Therapieerfolg stufenweise Lockerungen vorsieht. Er wird auf eine halboffene Station verlegt und nach einem weiteren halben Jahr bei weiterer Stabilität auf eine offene Station.

Perspektive
Bei fortlaufend gutem Verlauf können nun Zukunftsperspektiven erarbeitet werden. Ein betreutes Wohnen allein oder in einer WG ist angedacht. Dank seiner bereits abgeschlossenen Ausbildung kann Herr M., nach weiteren Belastungserprobungen, eventuell sogar auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen. Das Verhältnis zur Familie normalisierte sich mit zunehmender Stabilisierung des Patienten im Zuge regelmäßiger Besuche auf der Station und in gemeinsamen Aktivitäten inner- und außerhalb des Klinikgeländes. Unterstützend wirkte hier die Angehörigenarbeit der Mitarbeiter, die über die Diagnose und den Krankheitsverlauf, Behandlungsmöglichkeiten und sinnvollen Umgang mit dem erkrankten Familienmitglied informierten und in moderierten Gesprächen zur Aufarbeitung des beide Seiten traumatisierenden Tatgeschehens beitrugen.

 

(Quelle: PZN Report 2012/2013)

Drastische Worte wählt Elena F. Realistisch schätzt die angehende Wirtschaftsrechtlerin ihre Situation ein. Vor vielen Jahren begann eine Karriere, die dieses Ende nicht hätte vermuten lassen.

13 Jahre alt war Elena, als sie das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Auf kleinere Ladendiebstähle folgten größere. Sie befand sich in einer Spirale aus Alkohol, Drogen und Gewalt. Bis sie schließlich nach einem schweren Raubüberfall verhaftet wurde.

„Das war mein Glück“, stellt Elena fest. In der Klinik für Forensische Psychiatrie unterzog sie sich einer Therapie. Zunächst ohne Einsicht in die Notwendigkeit einer Behandlung, verweigerte sie jede Zusammenarbeit. Sie gebärdete sich aggressiv und unnahbar. Mit sich und ihrer Erkrankung wollte sie sich nicht auseinandersetzen. „Sie stand kurz vor dem Abbruch der Therapie“, erinnert sich der Chefarzt. Wenn die Patienten, die nach § 64 des Strafgesetzbuches im Maßregelvollzug untergebracht sind, in der Therapie nicht ausreichend mitarbeiten, kann das Gericht entscheiden, dass sie wieder in den Strafvollzug überstellt werden.

Doch dann, nach zahlreichen Gesprächen, legte Elena überraschend den Schalter um. Sie stellte sich ihren Problemen, begann, Verantwortung für sich und ihr Tun zu übernehmen. Sie holte ihren Schulabschluss nach und machte eine Ausbildung zur Wirtschaftsassistentin. Sie legte ihr Fachabitur ab und schrieb sich für das Studienfach Wirtschaftsrecht ein.

Keine einfache Sache für die Patientin. Denn in der Maßregelvollzugsklinik gab es nur die Möglichkeit, einen Hauptschulabschluss oder die mittlere Reife zu erlangen. Unterstützung für die Zeit nach dem Maßregelvollzug, abgesehen von Hartz IV, war nicht in Sicht. Elena hatte Glück. Der katholische Krankenhausseelsorger erinnerte sich an die in Reutlingen ansässige Werner-Kossmann-Stiftung. Die unterstützte die junge Frau auch nach der Entlassung, finanzierte Schulgebühren und Lehrmaterialien.

Vor zwei Jahren wurde sie nach erfolgreicher Therapie entlassen. Sie hat geheiratet und führt heute ein „normales“ Leben, ohne wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten zu sein. Inzwischen ist sie trocken und clean. Sie weiß, dass sie an einer Abhängigkeitserkrankung leidet, und dass die Gefahr, rückfällig zu werden, immer besteht. Deshalb besucht sie regelmäßig eine Selbsthilfegruppe in der Nähe ihres Wohnortes. Der Weg aus der Sucht war schwer, doch der Kampf hat sich gelohnt. „Ich hatte mich verloren“, sagt Elena. In der forensischen Suchttherapie hat sie sich wiedergefunden.

 

(Quelle: Forensik-Fibel, 3. Auflage, 2012)

Kurt C. kehrte nach vielen Jahren Maßregelvollzug zu seiner Familie zurück. Zunächst geschah das auf Probe. Das Gericht hatte die Lockerung zunächst für zwölf Monate genehmigt. Noch vor wenigen Jahren hätte das niemand für möglich gehalten. Der heute 54-Jährige hat mehrere Sexualstraftaten begangen. Weil er dabei wegen einer schweren Persönlichkeitsstörung vermindert schuldfähig war, wurde er im Maßregelvollzug untergebracht.

Kurt C. fing im Alter von 17 Jahren damit an, sich zu exhibieren. Etwa 15 Jahre später eskalierte die Situation. Er zog sich von seinen Vertrauenspersonen zurück, betrank sich immer häufiger und fing damit an, Frauen zu bedrohen. Rastlos schlich er um ihre Häuser und beobachtete sie. Dann folgten mehrere Vergewaltigungen.

In der Klinik galt Kurt C. lange Zeit als nicht oder nur eingeschränkt therapierbar. Lockerungen nutzte er, um weitere Straftaten zu begehen. Auch ein Klinikwechsel und ein Medikament, das in seinen Hormonhaushalt eingriff, um seinen Sexualtrieb zu unterdrücken, brachte zunächst nicht die erhoffte Wende. Kurt C. hatte nun zwar ein eingeschränktes Sexualleben, an seinen aggressiven Impulsen gegenüber Frauen änderte sich zunächst aber nichts. Im Gegenteil: Er empfand die Therapie, auf die er sich freiwillig eingelassen hatte, als Kastration. Die Schuld daran gab er der behandelnden Psychologin, einer Frau also.

Als ein männlicher Therapeut den Fall Kurt C. übernahm, kam Bewegung in die verhärteten Strukturen. Kurt C. öffnete sich dem Psychologen und begann damit, an seiner Krankheit zu arbeiten. Außerdem fand sich ein anderes Medikament mit wesentlich geringeren Nebenwirkungen. Die Ärzte und Therapeuten stellten ihm schließlich eine verhältnismäßig günstige Prognose.

Kurt C. hatte seit sieben Jahren keine Straftat begangen und einen festen Arbeitsplatz. Mit Lockerungen ging er verantwortungsbewusst um. Schrittweise durfte er beispielsweise die Besuche bei seiner Familie – seine Frau und sein damals 19-jähriger Sohn hielten trotz aller Probleme zu ihm – ausdehnen. Dabei hat er sich an alle Absprachen gehalten. Der Beitrag seiner Familie ist ohnehin ganz entscheidend. Sie bietet ihm ein intaktes Umfeld.

Von der Klinik wurde Kurt C. auch während seines Probejahres eng betreut. Das triebunterdrückende Medikament musste er weiterhin einnehmen. Mindestens wöchentlich musste er mit seinem Psychologen telefonieren und es gab regelmäßig wechselseitige Besuche. Alle diese Weisungen sollten Kurt C. stützen und kontrollieren. Er bestand das Probejahr und wurde inzwischen auf Bewährung aus dem Maßregelvollzug entlassen. Die Auflagenwerden ihn aber auch weiterhin begleiten.

 

(Quelle: Forensik-Fibel, 3. Auflage, 2012)

 

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