Patientengeschichten aus dem Maßregelvollzug

 


Herr N. (31) wurde im Herbst 2012 in die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am PZN eingewiesen. Zuvor musste er in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bruchsal über eineinhalb Jahre hinweg eine zur Bewährung ausgesetzte Strafe „absitzen“. Bei der Verhandlung eines Raubdeliktes im Zusammenhang mit Drogenkriminalität stellte das Gericht eine verminderte Schuld aufgrund psychischer Problemen fest. Für Herrn N. wurde daraufhin eine Unterbringung im Maßregelvollzug gemäß § 63 StGB angeordnet.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre erste Zeit in der Klinik für Forensische Psychiatrie?
Herr N.: Den Wechsel vom Gefängnis in die Forensische Klinik habe ich positiv empfunden. Ich hatte bereits die Zeit in der JVA intensiv genutzt, um über mich und meine Zukunft nachzudenken. Deshalb habe ich den Aufenthalt im Maßregelvollzug vom ersten Tag an als Chance gesehen, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. In den elf Monaten, die ich in der geschlossenen Aufnahmestation verbrachte, habe ich mich insbesondere mit den Ursachen meines früheren Drogenkonsums auseinandergesetzt. Ich hatte Glück, dass mich ein sehr guter Arzt betreut hat. Er hat mir zum Absetzen der Psychopharmaka, die ich zuvor über fünf Jahre hinweg konsumiert hatte, geraten. Das war im Rückblick eine sehr gute Entscheidung. Mein früherer Drogenkonsum hatte auch meine Leber geschädigt. Zu meiner Behandlung gehörte deshalb eine sechsmonatige Interferontherapie. In dieser Zeit habe ich auch an unterschiedlichen Therapieangeboten teilgenommen, z. B. Ergotherapie, Arbeitstherapie oder Sporttherapie. All das hat mich vorangebracht.

Wie ging es dann weiter für Sie?
Nach elf Monaten konnte ich meinem Behandlungsteam bei einer der regelmäßigen Besprechungen vermitteln, das ich „reif“ für mehr Freiheit und konkrete Rehabilitationsmaßnahmen war. So schaffte ich den Sprung auf die offene Station 12, wo ich auch heute noch lebe. Bei den schrittweisen Lockerungen habe ich mich stets zuverlässig verhalten, so dass ich heute nach fast zwei Jahren relativ freizügig ein- und ausgehen kann. Ich besuche hin und wieder am Wochenende meine Eltern, die im Schwarzwald wohnen. Am wichtigsten ist jedoch, dass ich seit September 2014 eine duale Ausbildung zum Schreiner begonnen habe. Die Berufsschule besuche ich in Schwetzingen und mein Ausbildungsbetrieb ist in Heidelberg-Rohrbach.

Und wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Obwohl ich die Freiheiten, die ich inzwischen in Anspruch nehmen kann, wertschätze, wünsche ich mir sehr, dass ich recht bald in eine eigene Wohnung ziehen kann. Ich sehne mich nach mehr Privatsphäre. Ich bin im Reinen mit mir und traue mir zu, auch in einem selbstbestimmten Leben draußen auf der richtigen Spur zu bleiben.

Was raten Sie anderen Menschen in Situationen, wie Sie sie hinter sich haben?
Es ist enorm wichtig, sich aktiv in die Behandlungsplanung einzubringen und Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen.

Mein Name ist Klaus. Ich bin Alkohol- und Drogenabhängig. Ich wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen auf, in denen Ablehnung und Misshandlungen an der Tagesordnung waren.

Im Alter von 4,5 Jahren wurde ich von meiner leiblichen Mutter mit den Worten „ hier ist er „ beim Jugendamt abgegeben. Mit 5 Jahren wurde ich von meinen zukünftigen Eltern abgeholt und adoptiert. Von nun an erfuhr ich Liebe, Geborgenheit und Zuwendung, was mich jedoch nicht davor bewahrte dem Alkohol und den Drogen zu verfallen. Ich habe so gut wie jede Droge und auch einige Medikamente probiert und bin schlussendlich bei einer ganzen Palette von berauschenden Substanzen geblieben, durch die ich mir je nach Wirkung die gewünschten Gefühle geholt habe.

Dadurch war ich niemals in der Lage an die Wurzel meiner Probleme heranzugehen und konnte gewisse Traumata aus meiner frühesten Kindheit nicht verarbeiten. All der aufgestaute Frust, der Hass und die Aggressionen entluden sich in einer Nacht, in der ich mich um ein Haar selbst zur Waise gemacht hätte. In vollkommen intoxitiertem Zustand griff ich meine Eltern mit einem Jagdmesser an und verletzte beide lebensgefährlich. Allein dem lieben Gott ist es zu verdanken, dass beide ohne nachhaltige körperliche Schäden diese Attacke überstanden haben und trotz allem zu mir stehen. Heute habe ich wieder ein liebevolles Verhältnis zu meinen Eltern. Sie haben mir meine Tat verziehen und stehen mir bei meinem Kampf gegen die Sucht zur Seite. Dafür bin ich mehr als dankbar!

Hier in der Therapie lerne ich Gefühle zu deuten und damit umzugehen. Außerdem werde ich bei der Bearbeitung meiner Probleme durch geschultes Fachpersonal begleitet und betreut. Zwar stehe ich persönlich noch recht am Anfang meiner Therapie, dennoch stellen ich und mein Umfeld schon eine starke Veränderung im Umgang mit meinen Gefühlen fest. Aus der Erfahrung heraus kann ich nur jedem mit einem ähnlichen Schicksal ans Herz legen eine solche Gelegenheit wahrzunehmen. Meine Eltern und ich hatten trotz allem großes Glück, denn es hätte auch anders kommen können.

Mein Name ist Mike und ich bin 36 Jahre alt. Wegen gewerbsmäßigen Ladendiebstahls in 11 Fällen bin ich vor 4 Monaten zu einer Haftstrafe von 2 Jahren und 6 Monaten und § 64 verurteilt worden. 8 Monate Bewährungswiderruf kommen noch dazu. Außerdem bin ich 12mal, unter anderem wegen Beihilfe zum versuchten Mord, Raub und Körperverletzung vorbestraft.

Als ich 4 Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden. Ich wuchs bei meiner Mutter auf. Aufgrund ihres Alters, 17 Jahre, war sie mit mir überfordert, was auch an meinen Verhaltens- und Persönlichkeitsproblemen lag. Durch die sozialistische Struktur, ich komme aus Jena, habe ich bis zur Wende genug Aufmerksamkeit in Kindergarten und Schule, sowie bei der Lehre zum Landwirt erhalten. Liebe von meiner Mutter habe ich nie gespürt. Mein Vater kümmerte sich so weit er konnte den Kontakt zu mir aufrecht zu halten. Von ihm habe ich mich bis heute immer geliebt gefühlt.

Mit 13 Jahren fing ich an zu rauchen und zu trinken, was ab dem 14. Lebensjahr bis zu meiner Inhaftierung zur Regel wurde. Nach der Wende und den für mich so genannten „Kulturschock“ fing ich mit 19 Jahren an Automaten zu spielen. Damals wusste ich nicht, dass sie bis zu meiner Inhaftierung den Mittelpunkt meines Lebens ausmachten sollten. Weiche Drogen wie Cannabis konsumierte ich das erste Mal mit 22, harte Drogen mit 28 Jahren. Den ersten Schuss setzte ich mir mit 33. Bis zu meiner Verurteilung habe ich 3 Therapien wegen Spielsucht, Alkoholismus und polytoxen Drogenmissbrauchs abgeschlossen. Im Nette Gut habe ich erkannt, dass ich an meinem Verhalten und meiner Persönlichkeit was ändern muss. Ich sehe dies hier als letzte Chance mit der Gesellschaft und mit mir ohne Drogen, Automaten und Kriminalität klarzukommen.

Ich weiß, dass ich mein Leben lang süchtig bleiben werde, aber durch Hilfe und meinen festen Willen werde ich hier im Nette Gut daran arbeiten mit meiner Freundin eine cleane Zukunft zu haben. Auch bin ich mit Hilfe des Sozialdienstes dabei den Kontakt zu meinem achtjährigen Sohn wiederherzustellen.

Vor 3 Monaten wurde ich durch die Polizei ins Nette Gut im voll toxischen Zustand eingeliefert. Nach meinem Kaltentzug hatte ich sehr viele Schwierigkeiten, mich den Regeln hier anzupassen. Ich hatte Konflikte mit dem Pflegepersonal, der Stationsleitung und fast jedem Mitpatienten. Dadurch merkte ich aber auch schnell was ich an mir ändern muss.

Meine Abstinenzentscheidung steht, denn mein absolut katastrophales Leben, meine gescheiterten Therapien, meine Kriminalität und meine extrem hohen Schulden (ca. 200.000 Euro) lassen meine Therapiemotivation hier im Nette Gut sehr hoch sein. Der Gedanke an ein cleanes Leben und die Aufmerksamkeit des gesamten Teams der Station M1 geben mir die Kraft es durchzuziehen. Ich sehe es hier als Chance und nicht als Bestrafung.

 

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