Porträts und Interviews unserer Mitarbeiter

 

Sie haben 1998 Ihre Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger in der Forensischen Psychiatrie absolviert und waren ab 2006 in diesem Bereich im Klinikum am Weissenhof tätig. Nach einigen Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie – auch in leitender Funktion – kehren Sie nun wieder in Ihren ursprünglichen Einsatzbereich, den Maßregelvollzug, zurück. Was hat Sie daran gereizt, die Stelle als Pflegedienstleiter in der Forensischen Psychiatrie im Klinikum am Weissenhof anzutreten?

Robert Radlinska: Gereizt hat mich daran, dass ich so die Möglichkeit habe, in mein altes und gewohntes Arbeitsumfeld zurückzukehren. Mein Wunsch in der neuen Position ist es, an die bereits vorhandenen guten internen Strukturen, die meine Vorgängerin Alice Stumpf und ihr Team geschaffen haben, anzuknüpfen und weiter auszubauen. Außerdem möchte ich als Pflegedienstleiter speziell die Vernetzung mit anderen Forensischen Psychiatrien intensivieren. Erfahrungsaustausch und ein gegenseitiges Lernen voneinander – darum geht es mir dabei. Und die so gewonnenen Erkenntnisse möchte ich in meine Arbeit im Klinikum am Weissenhof einbringen.

 

Was sind aus Ihrer Sicht die Aufgaben und Herausforderungen, die in den nächsten Jahren im Maßregelvollzug zu erwarten sind? 

Robert Radlinska: Arbeiten in der Forensischen Psychiatrie heißt immer, sich im Spannungsfeld zwischen dem kustodialen – also verwahrenden – Auftrag des Maßregelvollzugs und ethischen Fragestellungen zu bewegen. Außerdem sollte meiner Meinung nach aus pflegerischer Sicht die Gratwanderung zwischen „Macht und Ohnmacht“ reflektiert werden. Das heißt auf die einen Seiten haben wir im Maßregelvollzug Strukturen, die einer Justizvollzugsanstalt ähnlich sind. Andererseits erlebe ich auch immer wieder die Ohnmacht des Pflegepersonals. Man hat viele Ideen für die Arbeit mit den Patienten, aber stößt häufig an juristische Grenzen. Damit umzugehen ist nicht immer leicht und manchmal frustrierend.

In Bezug auf die Pflegfachkräfte sehe ich zwei Aufgaben. Zum einen muss die Belastung für Pflegende durch den Einsatz von gezielten Ressourcen reduziert werden. Und auch die noch bessere Qualifizierung von Fachkräften steht auf der Agenda.

Gesetzesänderungen werden uns ebenfalls immer wieder vor Herausforderungen stellen. Als zum Beispiel das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz 2015 in Baden-Württemberg in Kraft getreten ist, hieß es für uns als psychiatrische Einrichtung die Neuregelungen in die Praxis zu überführen. Ausgelöst durch den medienwirksamen Fall Gustl Mollath wurde im Juli 2016 der im Bundesgesetz novellierte § 63 StGB rechtswirksam. Damit gilt es zu verhindern, dass Straftäter zu schnell als Patienten in den Maßregelvollzug kommen. Auch müssen Patienten nun vermehrt extern begutachtet werden. Dadurch wird ein Rückgang der in den letzten Jahren stark gestiegenen Betten im Maßregelvollzug erwartet.

 

Der Maßregelvollzug ist immer mit besonderen Sicherheitsmaßnahmen verbunden. Das bedeutet für die Pflegefachkräfte oftmals eine Gratwanderung zwischen dem Therapieanspruch und dem Schutzbedürfnis der Öffentlichkeit. Wie gehen Sie damit um?

Robert Radlinska: Ich gehe sowohl beruflich als auch privat sehr offen mit meiner Arbeit im Maßregelvollzug um. Es ist wichtig, in diesem Arbeitsumfeld für die Öffentlichkeit eine größtmögliche Transparenz zu schaffen. Es ist mir ein Anliegen immer wieder darauf hinzuweisen, dass im Maßregelvollzug sowohl die Therapie unserer Patienten als auch die Sicherheit der Bevölkerung im Vordergrund stehen. Ich bin der festen Überzeugung, nur durch eine gezielte und intensive Aufklärung über die Arbeit in einer Forensischen Psychiatrie können Halbwissen und Misstrauen abgebaut werden.

Deshalb freue ich mich darauf, mich – wie meine Vorgängerin Alice Stumpf – im Arbeitskreis Forensik Transparenz Süddeutschland zu engagieren.

45 Jahre waren Sie in der psychiatrischen Krankenpflege tätig, davon seit 1979 als Fachkrankenschwester. Die letzten 17 Jahre hatten Sie die Pflegedienstleitung in der Forensischen Psychiatrie inne – zunächst im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden und anschließend im Klinikum am Weissenhof. Durch Ihren beruflichen Werdegang können Sie auf einen enormen Erfahrungsschatz zurückblicken. Welche Veränderungen haben Sie in Ihrem Verantwortungsbereich beobachtet?

Alice Stumpf: Bis in den neunziger Jahren gab es in Baden-Württemberg für Maßregelvollzugspatienten noch eine sogenannte Streubelegung, das heißt, sie waren auch auf allgemeinpsychiatrischen Stationen mit anderen Patienten untergebracht. Nach einer Gesetzesänderung war dies nicht mehr erlaubt. Die Patienten wurden in die damaligen Landeskrankenhäuser, die eine Facheinrichtung für Maßregelvollzug vorhielten, verlegt.

Ausgelöst durch medienwirksame Vorfälle hat das Thema „äußere“ Sicherheit, im Gegensatz zur „inneren“ Sicherheit in Form der Beziehungspflege zum Patienten, einen immer höheren Stellenwert bekommen. Die baulichen Sicherheitsmaßnahmen im Maßregelvollzug wurden und werden stetig erhöht. Wo früher zum Beispiel eine Hecke stand, gibt es heute eine moderne Sicherungsanlage. Überhaupt nimmt die Öffentlichkeit den Maßregelvollzug viel sensibler wahr und Vorfälle in der Forensischen Psychiatrie sind in den Medien sehr präsent.

Auch Lockerungen werden restriktiver als noch vor 10 Jahren gewährt, wodurch die Verweildauer der Patienten gestiegen ist. Das hatte zur Folge, dass sich die Bettenzahl verdoppelt hat und neue Maßregevollzugseinrichtungen gebaut wurden.

Zu Beginn meiner Tätigkeit haben wir sogenannte graue Ambulanzen eingerichtet, die die Nachsorge der forensischen Patienten übernahmen. Es gab jedoch keine gesetzliche Grundlage, geschweige denn Kostenerstattung, was zulasten des stationären Bereichs ging. Die Politik hat mittlerweile zum Glück erkannt, dass eine qualifizierte aufsuchende forensische Nachbetreuung enorm wichtig ist. Das Rückfallrisiko wird so nachweislich deutlich gesenkt und die Verweildauern können verkürzt werden. Seit 2007 gibt es dafür endlich eine Rechtsgrundlage, die den Ausbau und die Finanzierung der aufsuchenden forensischen Nachsorgeambulanzen regelt.

 

Ein wichtiger Baustein für den Therapie- wie auch Sicherungsauftrag im Maßregelvollzug ist die Bezugspflege. Welchen Anforderungen müssen Ihrer Erfahrung nach die Pflegefachkräfte in der Forensischen Psychiatrie gerecht werden?

Alice Stumpf: Die Bezugspflege im Maßregelvollzug ist sehr vielschichtig. Gemeinsam mit dem Patienten erarbeiten und vereinbaren wir Entwicklungsschritte, die wir dann, abgestimmt mit der Gesamttherapieplanung, gemeinsam mit dem Patienten angehen. Am Ende des Weges steht das Ziel, dass der Patient wieder in die Gesellschaft zurückfindet ohne erneut straffällig zu werden.

Um den Patienten in seiner Entwicklung zu unterstützen, müssen wir als Pflegefachkraft im Alltag ein therapeutisches Milieu schaffen und dem Patienten gegenüber verschiedene Rollen einnehmen. Das ist sowohl eine fürsorgliche, verstehende, begleitende und beratende, aber auch eine das Verhalten spiegelnde, korrigierende, führende und kontrollierende Rolle. Wir müssen also auf der einen Seite Verständnis haben und auf der anderen Seite Grenzen aufzeigen sowie einfordern. Die Bezugspflege muss das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz schaffen und dabei in ihrer Persönlichkeit echt und authentisch bleiben. Zum Glück hat sich die Personalausstattung in den letzten Jahren verbessert, so dass wir nun sinnvoll mit den Patienten sozio- und milieutherapeutisch arbeiten können.

Durch die Bezugspflege kennen wir den Patienten natürlich sehr gut und können am besten sehen, wie er im Alltag reagiert. Deshalb ist die Einschätzung der betreuenden Pflegefachkraft bei der Bewilligung von Lockerungsmaßnahmen sehr wichtig.

Dieser Verantwortung muss sich eine Pflegefachkraft in der Forensischen Psychiatrie bewusst sein!

 

Was würden Sie Kolleginnen und Kollegen raten, die überlegen eine Pflegetätigkeit im Maßregelvollzug anzutreten?

Alice Stumpf: Eine Pflegefachkraft im Maßregelvollzug muss bereit sein, ihre ganze Persönlichkeit in die Arbeit einzubringen. Sie muss eine gute vertrauensvolle Beziehung zum Patienten aufbauen, aber auch Grenzen durchsetzen und verhaltenskorrigierend eingreifen können. Deshalb würde ich Kolleginnen und Kollegen raten, sich im Vorfeld ganz bewusst mit der herausfordernden Arbeit im Maßregelvollzug auseinanderzusetzen.  

Dabei hilft, sich folgende Fragen zu stellen:

  • Bin ich bereit im multiprofessionellen Team zu arbeiten und mit Entscheidungen umzugehen, die ich alleine so nicht getroffen hätte?
  • Habe ich das entsprechende „Standing“ bzw. Durchsetzungsvermögen einen Ausgang oder eine Lockerung nicht zu gewähren, auch wenn eine starke negative Reaktion vom Patienten zu befürchten ist?
  • Bin ich bereit nötige Zwangsmaßnahmen durchzuführen?
  • Bin ich zufrieden damit, bei manchen Patienten auch an sehr kleinen Fortschritten zu arbeiten und ihn über sehr lange Bezugspflegezeiträume zu begleiten?
  • Sehe ich einen Rückfall nicht als persönliches Versagen von mir an?
  • Bin ich in meiner professionellen Haltung fähig und bereit zur Reflexion, so dass ich das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz hinbekomme?
  • Habe ich zu Hause einen guten Ausgleich? Habe ich eine stabile psychische Gesundheit?

Wer diese Fragen mit Ja beantworten kann, ist meiner Meinung nach dafür geeignet, sich auf das spannende Aufgabengebiet Maßregelvollzug einzulassen.

Nach nunmehr drei Jahrzehnten in der psychiatrischen Pflege und fast ebenso langer Tätigkeit in der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden ist sich Matthias Kübler, heute Stationsleiter des Aufnahme- und Orientierungsbereichs der Klinik (Station 11) in einem sicher: Nur wenn es gelingt, Zugang zum Patienten zu finden und Verständnis für ihn zu entwickeln, kann das Therapieziel im Maßregelvollzug erreicht werden.

Der erfolgreiche Aufbau einer therapeutischen Beziehung im Rahmen der Bezugspflege schafft seiner Erfahrung nach die richtige Voraussetzung dafür, dass der Patient Schritt für Schritt in weniger gesicherte Bereiche gehen kann. Wenn die Pflegekraft schließlich spürt, dass die abwehrende Haltung aufgegeben wird und stattdessen die Rückmeldung kommt: „Jetzt habe ich verstanden“, ist ein erster Meilenstein in der Behandlung erreicht. Die Patienten signalisieren damit ihre Verantwortungsbereitschaft und lernen, sich im Bedarfsfall selbst Hilfe zu holen. 

Kübler bezeichnet es als sein persönliches Anliegen, den Vorurteilen gegenüber dem Maßregelvollzug, sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld, entgegenzuwirken. Der sportliche Wieslocher wird nicht müde, auch im Freundeskreis Klarheit über seine Arbeit zu schaffen. Im Unterricht in Krankenpflegeschule in Bretten stößt er auf reges Interesse der Schüler, wenn er über die Standards der psychiatrischen Krankenpflege hinaus die besonderen Anforderungen der Bezugspflege im Maßregelvollzug vermittelt.

Im Stationsalltag einer forensischen Klinik ist gut koordinierte Teamarbeit unter den betreuenden Pflegekräften extrem wichtig. Es gilt, trotz immenser Regelberge stets auch den menschlichen Blick zu bewahren. Vor allem aber warnt Kübler junge Kollegen davor, die Möglichkeiten der Macht auszunutzen und damit dem Patienten das Gefühl der Ohnmacht zu vermitteln. Rund 60 % der MRV-Patienten leiden an Psychosen. „Mit Angst als Verhaltensauslöser muss extrem vorsichtig umgegangen werden“, weiß der erfahrene Stationsleiter.

Weil es oftmals einer Gratwanderung gleichkommt, im Verhältnis zum Patienten einerseits das notwendige Vertrauen zu schaffen und andererseits im Bedarfsfall doch kontrollierend oder reglementierend einzugreifen, werden junge Mitarbeiter in den ersten Monaten von erfahrenen Mentoren begleitet. Besonders positiv wirkt sich die multikulturelle Zusammensetzung des 30-köpfigen Stationsteams, darunter 10 weibliche Kräfte, aus. Kulturell bedingte Unterschiede im Unrechtsbewusstsein können so besser verstanden und daraus resultierende Konflikte vermieden werden. Kommt es dennoch zu Übergriffen oder besonderen Vorfällen erhalten die Mitarbeiter therapeutische Hilfe von externen Fachkräften. Das PZN investiert viel in die Fachweiterbildung der Mitarbeiter, um sie für die besonderen Anforderungen in der Kommunikation und der Pflege der Beziehungsebene zu qualifizieren.

Als ausgebildeter Ergotherapeut ist Michael Bessler seit September 2009 auf einer Kriseninterventionsstation der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie beschäftigt.

Dort unterstützt und begleitet er Patientinnen und Patienten bei bestimmten Tätigkeiten, z. B. in der Selbstversorgung oder bei der Freizeitgestaltung. Dazu gehören beispielsweise auch handwerkliche Arbeiten mit den Patientinnen und Patienten – Berührungsängste hat er dabei nicht. „Ich empfinde die Arbeit mit den Menschen gerade aufgrund ihrer unterschiedlichen Geschichten als sehr spannend“, erklärt Bessler.

Doch nicht nur, wenn es um seine Patientinnen und Patienten geht, zeigt Michael Bessler Initiative. Seit einem guten Jahr engagiert er sich auch ehrenamtlich bei der Werkfeuerwehr des PZN. Aufmerksam geworden auf deren Tätigkeiten war er durch ein Gespräch beim Mittagessen mit einigen Mitarbeitenden der Feuerwehr. Obwohl seine aktive Zeit bei der Jugendfeuerwehr schon eine Weile zurücklag, konnte sich Bessler dank der Unterstützung seiner 22 Feuerwehrkolleginnen und -kollegen bei Einsätzen schnell einbringen.

Neben den interessanten Tätigkeiten bei der Werkfeuerwehr schätzt er aber vor allem die vielen neuen Bekanntschaften und die daraus entstandenen Verbindungen zu verschiedenen Bereichen des PZN. Gerade für Mitarbeitende, die neu am PZN sind, sei die Feuerwehr eine gute Möglichkeit, um Kontakte zu knüpfen. „Es ist einfach schön, wenn man übers Gelände läuft und an jeder Ecke gegrüßt wird. So fühlt man sich gleich zugehörig“, beschreibt Bessler seine Erfahrungen. Als persönliche Bereicherung empfindet er auch die gute Atmosphäre innerhalb des Feuerwehrteams, das sich auch mal außerhalb der Arbeit zum sommerlichen Grillfest zusammenfindet.

 

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