Patientengeschichten

"Ich sehe die Therapie als Chance, nicht als Bestrafung."

Mein Name ist Mike und ich bin 36 Jahre alt. Wegen gewerbsmäßigen Ladendiebstahls in 11 Fällen bin ich vor 4 Monaten zu einer Haftstrafe von 2 Jahren und 6 Monaten und § 64 verurteilt worden. 8 Monate Bewährungswiderruf kommen noch dazu. Außerdem bin ich 12mal, unter anderem wegen Beihilfe zum versuchten Mord, Raub und Körperverletzung vorbestraft.

Als ich 4 Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden. Ich wuchs bei meiner Mutter auf. Aufgrund ihres Alters, 17 Jahre, war sie mit mir überfordert, was auch an meinen Verhaltens- und Persönlichkeitsproblemen lag. Durch die sozialistische Struktur, ich komme aus Jena, habe ich bis zur Wende genug Aufmerksamkeit in Kindergarten und Schule, sowie bei der Lehre zum Landwirt erhalten. Liebe von meiner Mutter habe ich nie gespürt. Mein Vater kümmerte sich so weit er konnte den Kontakt zu mir aufrecht zu halten. Von ihm habe ich mich bis heute immer geliebt gefühlt.

Mit 13 Jahren fing ich an zu rauchen und zu trinken, was ab dem 14. Lebensjahr bis zu meiner Inhaftierung zur Regel wurde. Nach der Wende und den für mich so genannten „ Kulturschock „ fing ich mit 19 Jahren an Automaten zu spielen. Damals wusste ich nicht, dass sie bis zu meiner Inhaftierung den Mittelpunkt meines Lebens ausmachten sollten. Weiche Drogen wie Cannabis konsumierte ich das erste Mal mit 22, harte Drogen mit 28 Jahren. Den ersten Schuss setzte ich mir mit 33. Bis zu meiner Verurteilung habe ich 3 Therapien wegen Spielsucht, Alkoholismus und polytoxen Drogenmissbrauchs abgeschlossen. Im Nette Gut habe ich erkannt, dass ich an meinem Verhalten und meiner Persönlichkeit was ändern muss. Ich sehe dies hier als letzte Chance mit der Gesellschaft und mit mir ohne Drogen, Automaten und Kriminalität klarzukommen.

Ich weiß, dass ich mein Leben lang süchtig bleiben werde, aber durch Hilfe und meinen festen Willen werde ich hier im Nette Gut daran arbeiten mit meiner Freundin eine cleane Zukunft zu haben. Auch bin ich mit Hilfe des Sozialdienstes dabei den Kontakt zu meinem achtjährigen Sohn wiederherzustellen.

Vor 3 Monaten wurde ich durch die Polizei ins Nette Gut im voll toxischen Zustand eingeliefert. Nach meinem Kaltentzug hatte ich sehr viele Schwierigkeiten, mich den Regeln hier anzupassen. Ich hatte Konflikte mit dem Pflegepersonal, der Stationsleitung und fast jedem Mitpatienten. Dadurch merkte ich aber auch schnell was ich an mir ändern muss.

Meine Abstinenzentscheidung steht, denn mein absolut katastrophales Leben, meine gescheiterten Therapien, meine Kriminalität und meine extrem hohen Schulden (ca. 200.000 Euro) lassen meine Therapiemotivation hier im Nette Gut sehr hoch sein.
Der Gedanke an ein cleanes Leben und die Aufmerksamkeit des gesamten Teams der Station M1 geben mir die Kraft es durchzuziehen. Ich sehe es hier als Chance und nicht als Bestrafung.