Patientengeschichten

"Was sind ein paar Monate im Vergleich zu den verschenkten Jahren?"

Ich bin Dennis, 28 Jahre alt. Verurteilt wegen schweren Diebstahls in mehreren Fällen zu einer 18monatigen Haftstrafe + § 64. Ich habe noch 2 Jahre offene Bewährungsstrafe.

 

Ich wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen auf. Mein Vater ist, seit dem ich denken kann, stark alkoholabhängig und gewalttätig zu uns gewesen. Mit 11 Jahren kam ich ins Heim und kam nie wieder zurück. Der Kontakt zu Eltern und Geschwistern endet da. Im Alter von 8 Jahren begann ich Alkohol zu konsumieren, mit 13 Jahren Heroin und anderes. Heimunterbringung und Gefängnisaufenthalte folgten.

Alkohol und Drogen gaben mir das Gefühl von Wärme und Geborgenheit ( wie eine Familie). Die Gefühle wie Angst, Trauer oder Einsamkeit spürte ich nicht mehr. Ich konnte das Erlebte vergessen, verdrängen.

Ich bin seit 15 Jahren süchtig und kriminell und habe in dieser Zeit zweimal eine Therapie nach § 35 abgeschlossen, in denen ich meine Themen wie Ursachen, Kindheit und Suchtentstehung nur oberflächlich, nie als wichtig, und halbherzig anging.
Ich war mir meiner Suchterkrankung und dass mich diese mein Leben lang begleitet nicht richtig bewusst und wollte es auch nicht glauben. Worauf dann die Rückfälle über Arbeitssucht und Selbstüberschätzung folgten.

Als ich vor 10 Monaten in die Klinik Nette-Gut aus der JVA kam wusste ich noch nicht ob ich das wirklich wollte. Anfangs hatte ich sehr viel Zweifel und Misstrauen gegenüber mir und anderen, Team und Mitpatienten. Ich konnte mich nur schleppend und sehr schwer auf Themen einlassen, da mir bewusst war, dass das mit sehr vielen Gefühlen, die ich bisher vermeiden wollte, verbunden war. Erst als man mich darauf hinwies, dass ich eine Entscheidung treffen müsste, war ich bereit mich voll und ganz auf die Therapie einzulassen. Inzwischen habe ich einige Kernthemen wie z.B. Kindheit oder Suchtentstehung bearbeitet, woraus ich einige Verhaltensmuster und Persönlichkeitsdefizite erkennen konnte und in der Lage war daran zu arbeiten.

Ich beginne langsam mir vorzustellen auch anders leben zu können. Ohne Drogen. Ich bin jetzt seit 1 Monat über der Endstrafe und weiß, dass ich noch ein paar Monate hier dranhänge. Aber was sind ein paar Monate im Vergleich zu den verschenkten Jahren.