Aktuelle Entwicklungen

Neues Projekt zur Arbeitsattraktivität in forensischen Kliniken

Mara Kuhl, Brigitte Sellach, Michael Noetzel

Die Attraktivität der Arbeit im Maßregelvollzug entwickeln: Herausforderungen an die Träger Forensischer Psychiatrien
Improving workplace appeal in forensic commitment institutions: challenges facing agencies responsible for forensic psychiatric hospitals

Abstract
Forensic psychiatric units are special institutions within the health service: they provide medical and therapeutic, as well as public custodial services. This twofold mandate requires them to fulfil specific institutional and social requirements and workplaces in such units are characterized by a number of specific features. These factors limit the powers of the agencies and managers responsible for psychiatric hospitals. However, with an innovative, personnel-oriented approach, these circumstances can be productively exploited for purposes of organisational development. This is the result of a project aimed at developing workplace appeal that was conducted by the Pfalzklinikum Forensic Psychiatry Hospital in the German town of Klingenmünster in collaboration with GSF e.V. (German registered society for social-scientific women's and gender studies).

Zusammenfassung
Kliniken für Forensische Psychiatrie sind besondere Einrichtungen im Gesundheitswesen, weil sie neben medizinischen und therapeutischen Aufgaben den hoheitlichen Auftrag des Freiheitsentzugs erfüllen. Sie sind mit dieser doppelten Aufgabenstellung besonderen institutionellen und gesellschaftlichen Anforderungen ausgesetzt und ihre Arbeitsplätze sind von spezifischen Charakteristiken geprägt. Dem Träger und der Leitung einer Klinik sind damit enge Grenzen bei der Organisationsentwicklung gesetzt. Mit innovativen Ansätzen, die die Beschäftigten in den Mittelpunkt stellen, lassen sich jedoch diese Besonderheiten als Handlungsspielräume gestalten. Dies zeigt ein Projekt zur Arbeitsplatzattraktivität, das die Klinik für Forensische Psychiatrie Klingenmünster des Pfalzklinkums für Neurologie und Psychiatrie (AdöR) zusammen mit der Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Frauen- und Genderforschung e.V. (GSF e. V.) durchgeführt hat.

1. Einleitung
Kliniken für Forensische Psychiatrie sind besondere Einrichtungen im Gesundheitswesen, weil sie neben medizinischen und therapeutischen Aufgaben den hoheitlichen Auftrag des Freiheitsentzugs erfüllen. Sie sind mit dieser doppelten Aufgabenstellung besonderen institutionellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Anforderungen ausgesetzt. Sie bieten durch ihre zentralen staatlichen und gesellschaftlichen Funktionen spezielle professionelle Betätigungsfelder und Herausforderungen für die Träger der Kliniken und für die Beschäftigten.

Träger und Leitungen können die Besonderheiten der Forensischen Psychiatrie für eine attraktive Gestaltung von Arbeitsplätzen nutzen, wenn sie sich an den Kompetenzen und Ansprüchen der Beschäftigten orientieren. Das Projekt zur Arbeitsplatzattraktivität in der Forensischen Psychiatrie Klingenmünster hatte sich dies zum Ziel gesetzt. Im Folgenden werden nach einer Projektbeschreibung Hinweise auf Handlungsspielräume der Träger gegeben, um die Besonderheiten des Maßregelvollzugs produktiv für die Organisationsentwicklung zu nutzen.

1.1. Die Forensische Psychiatrie am Standort Klingenmünster
Die Forensische Psychiatrie Klingenmünster ist eine Einrichtung des Pfalzklinikums für Psychiatrie und Neurologie (A.d.ö.R.). In ihr werden auf zwölf Stationen, davon eine Frauenstation, in zwei offenen Wohngruppen und in der Forensisch-Psychiatrischen Ambulanz psychisch kranke (nach § 63 Strafgesetzbuch) und suchtmittelabhängige (nach § 64 Strafgesetzbuch) Rechtsbercher/innen versorgt. Die Klinik kann etwas über 200 Personen stationär und etwas über 140 ambulant begleiten. Mit einem Anteil an weiblichen Patienten von etwas unter 5% liegt die Klinik im Landesdurchschnitt von Rheinland-Pfalz.

Etwa 240 Beschäftigte aus verschiedenen pflegerischen, therapeutischen, medizinischen und pädagogischen Berufen arbeiten zusammen, um die Patient/innen zu heilen, zu therapieren, zu rehabilitieren und sie auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorzubereiten. Zu den Berufen in der Forensischen Psychiatrie gehören neben den Ärzten/innen u. a. Gesundheitspfleger/innen, Psycholog/innen, Lehrer/innen, Sport-, Ergo-, Arbeits-, Kunst- und Musiktherapeut/innen und Sozialarbeiter/innen. Die Beschäftigten des Pädagogisch-Pflegerischen Dienstes bilden mit 75% die größte Berufsgruppe. Das Geschlechterverhältnis ist mit über 45% weiblichen Beschäftigten annähernd ausgewogen.

Der demographische Wandel wird darin deutlich, dass über ein Drittel der Beschäftigten älter ist als 50 Jahre, während nur knapp 10% jünger als 30 Jahre sind. Weit mehr als die Hälfte der Beschäftigten arbeitet bereits länger als 10 Jahre in der Klinik.

1.2. Das Projekt zu Erhalt und Weiterentwicklung der Attraktivität der Arbeitsplätze
Im Rahmen ihrer Strategie zur dezentralen Organisationsentwicklung, die bewusst strategische und operative Lösungen für die Ebenen der einzelnen Einrichtungen des Pfalzklinikums entwickelt, identifizierte die Leitung einen besonderen Bedarf in der Forensischen Psychiatrie, um die Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erhöhen. Anhaltspunkte hierfür lieferte die routinemäßige Mitarbeiterbefragung, nach der sowohl Beteiligung als auch Ergebnisse im Vergleich zu anderen Bereichen des Klinikums noch optimiert werden können. Um den Ursachen hierfür auf den Grund zu gehen und Handlungsstrategien zu entwickeln, die den spezifischen Bedingungen der Forensik Rechnung tragen, wurde die Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Frauen- und Genderforschung e.V. hinzugezogen. Diese außeruniversitäre Forschungs- und Beratungsinstitution, die auf die Beratung von öffentlichen Institutionen spezialisiert ist, hatte sich durch eine umsetzungsorientierte Fortbildung zu „Gender Mainstreaming im Konzept des Lebenslagen-Ansatzes“ für das Strategieteam des Klinikums empfohlen.

In enger Kooperation mit den Leitungen des Klinikums und der Forensischen Psychiatrie sowie mit dem Betriebsrat führte die GSF e.V. eine Befragung des pädagogisch-pflegerischen und medizinisch-therapeutischen Personals durch, um ein differenziertes Meinungsbild zu den Stärken und Schwächen des Arbeitsplatzes Forensische Psychiatrie zu ermitteln. Gleichzeitig wurden auch Handlungsansätze zum Erhalt und zur Weiterentwicklung der Arbeitsplatzattraktivität erhoben. Die Untersuchung war ausgehend von der Strategie des Gender Mainstreaming mit dem analytischen Instrumentarium des Lebenslagen-Ansatzes konzipiert. Dabei wurden vornehmlich partizipative Methoden eingesetzt, bei denen das Erfahrungswissen und die fachliche Expertise der Mitglieder der zu beratenden Institution Ausgangspunkt für die Wissensgenerierung sind.

Mit Gender Mainstreaming werden fachliche Aufgaben und Arbeitsbedingungen systematisch geschlechtersensibel analysiert. Sie werden zudem mit dem Qualitätsanspruch diskutiert, sie für Männer und Frauen in unterschiedlichen Lebenslagen gleichermaßen gerecht zu gestalten (z.B. lebensphasenspezifisch unter der im Zeitverlauf unterschiedlichen privaten Sorge- und Unterhaltsverpflichtungen, altersabhängiger Leistungsfähigkeiten, etc.). Hierbei werden die relevanten Faktoren berücksichtigt, die erstens auf der allgemein-gesellschaftlichen, zweitens der organisationsspezifischen und drittens auf der individuellen Ebene eine Rolle bei der Bewertung der Arbeitsplatzattraktivität spielen. Hierzu gehören immaterielle Variablen wie Werte, Normen und Erwartungshaltungen, z.B. an Professionen oder Geschlechterrollen, als auch materielle Variablen wie institutionelle rechtliche Rahmenbedingungen, Organisationsstrukturen sowie die Ausstattung von Individuen mit Ressourcen und der Fähigkeit, diese auch produktiv für Ziele einzusetzen. Die GSF e.V. macht damit das in der Sozialpolitikforschung entwickelte und für die praxisorientierte Geschlechterforschung erweiterte Analysemodell des Lebenslagen-Ansatzes für die Organisationsentwicklung fruchtbar.
Mit diesem Vorgehen war es möglich, grundlegend neue Sichtweisen auf die Arbeitsbedingungen in der Forensischen Psychiatrie und ein differenziertes Bild der unterschiedlichen Interessenlagen und ihrer Ursachen zu erhalten. Sowohl Handlungsbedarf als auch Handlungsoptionen für die Organisationsentwicklung wurden damit sichtbar. Neben dem analytischen Ansatz trug auch das methodische Vorgehen zum Erfolg des Projekts bei. Durch partizipative Methoden, beispielsweise themenzentrierte Workshops mit den Beschäftigten, wurden die relevanten Themenfelder und organisationsspezifischen Zusammenhänge identifiziert, die dann auch die Grundlage für die Befragung bildeten. Die Befragungsergebnisse sowie die von der GSF e.V. daraus abgeleiteten Empfehlungen für die Organisationsentwicklung in der Forensischen Psychiatrie wurden im Rahmen von Workshops mit den Beschäftigten, die als Expertinnen und Experten für ihre Organisation adressiert wurden, kritisch diskutiert, eingeordnet und ergänzt.

Den Gesamtrahmen für das Projekt bildeten die Auftakt- und Abschlusssitzungen des Projekts, in denen die Leitungen des Klinikums und der Forensischen Psychiatrie unter anderem den Informationsfluss in die Organisation hinein und die Beteiligung des Betriebsrates sicherstellten. Insgesamt war die Beteiligung der Beschäftigten an der Untersuchung - auch wegen der attraktiven Formate der Workshops und der Anlage der Befragung, die die Beschäftigten als Lösungs- und Ideengeber/innen ansprach - sehr hoch: So haben 72% der Beschäftigten den Fragebogen ausgefüllt. Alle Berufsgruppen und alle Pflegestationen waren in den Workshops vertreten.

2. Attraktive Gestaltung des Arbeitsplatzes Maßregelvollzug: Handlungsspielräume für Träger
Die Forensische Psychiatrie erhält in der Öffentlichkeit im Wesentlichen oft nur negative Aufmerksamkeit, beispielsweise bei Entweichungen von Patient/innen oder spektakulären Rückfällen (ehemaliger) Patient/innen. Durch den Tenor skandalisierender Berichterstattungen in den Medien wird suggeriert, dass staatliche Institutionen gesellschaftlich bedingte Restrisiken ausschließen könnten. Der rechts- und wohlfahrtsstaatliche Konsens, dass auch stark deviante Personen weiter Mitglieder der Gesellschaft sind und über Grundrechte verfügen, wird immer wieder in Frage gestellt. Die Anforderungen an Sicherung und Rehabilitation durch den Maßregelvollzug sind auch darum zunehmend verschärft worden. Negative Schlagzeilen können für politisch Verantwortliche in den Landesregierungen darüber hinaus zu einem Karriererisiko werden, während sich gleichzeitig das Thema Maßregelvollzug nicht zur politischen Profilierung eignet. Dadurch wird die politische Diskussion über die Bedingungen und die notwendigen Ressourcen für die erwartungsgemäße Aufgabenerfüllung und für die Leistungsfähigkeit des Maßregelvollzugs vernachlässigt.

Jenseits der Außendarstellung in der Öffentlichkeit ist die Forensische Psychiatrie jedoch eine Institution von gesellschaftlich zentraler Bedeutung und dazu für viele Menschen ein Arbeits- und Lebensort. Diese Einrichtung bietet auch aufgrund ihrer institutionsspezifischen Besonderheiten einer Vielzahl von spezialisierten Fachkräften befriedigende und sinnstiftende Tätigkeitsfelder. Ohne diese einseitig positiv darstellen zu wollen, sind ihre Charakteristika ein Teil der Attraktivität der Arbeit im Maßregelvollzug. Denn sie bieten den Beschäftigten die Möglichkeit, soziale und professionelle Interessen und Ansprüche umzusetzen. Damit Arbeitsplätze im Maßregelvollzug jedoch trotz des negativen Images der Einrichtung attraktiv sein können, bedarf es einer Organisationsentwicklung, bei der insbesondere die Professionalität der Beschäftigten berücksichtigt und produktiv in die Planungen und Zielsetzungen einbezogen wird.
Auf Grundlage der Ergebnisse des Projekts zu Erhalt und Weiterentwicklung der Attraktivität der Arbeitsplätze in der Forensischen Psychiatrie Klingenmünster werden im Folgenden einerseits Besonderheiten, die als Stärken des Arbeitsplatzes Maßregelvollzug genutzt werden können, sowie andererseits die Schlussfolgerungen, die Träger daraus ziehen können, dargestellt.

2.1. Hohe Anforderung an die multiprofessionelle Zusammenarbeit als Chance für berufliche Entwicklung
Das Aufgabenprofil in der Forensischen Psychiatrie umfasst Therapie und Rehabilitation der psychisch kranken oder suchtmittelabhängigen Patient/innen. Weil die Patienten/innen gleichzeitig Rechtsbrecher/innen sind, beinhaltet das Aufgabenprofil neben der hieraus resultierenden professionellen Herausforderung auch erhebliche zusätzliche Anforderungen zur Gewährleistung von Sicherheit. Anerkennung und positives Feedback kommen im Wesentlichen nicht von den schwierigen Patienten/innen selbst, sondern sind eher nur von Vorgesetzten und Kollegen/innen zu erwarten, die außerdem auch problematische Interaktionen der Patient/innen, wie Ablehnung und Abwertung, auffangen müssen. Darüber hinaus tragen Kolleginnen und Kollegen gegenseitig Verantwortung für die Sicherheit. Die unterschiedlichen Berufsgruppen können nur in Zusammenarbeit dieses breite und anspruchsvolle Aufgabenprofil erfüllen. Die enge, koordinierte und verlässliche Kooperation innerhalb der Berufsgruppen, aber insbesondere auch zwischen den verschiedenen Berufsgruppen hat eine große Bedeutung. Berufsspezifische Selbstverständnisse, z.B. eine hohe Erwartung an Therapieerfolge, oder berufsständische, hierarchisch begründete Haltungen zur Arbeitsteilung, die sich in anderen Institutionen durchaus positiv auf die Arbeitsergebnisse auswirken, können in der Forensischen Psychiatrie aufgrund der Besonderheit ihrer Aufgabenstellung und Behandlungsanforderungen eher dysfunktional sein.

Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Berufsgruppen und die daraus entstehenden Möglichkeiten zur beruflichen Entwicklung waren in der Befragung im Rahmen des Projekts wichtige Gründe für die Beschäftigten, in der Forensischen Psychiatrie arbeiten zu wollen. Der gute professionelle und kollegiale Umgang war darüber hinaus auch ein als zentral genannter Faktor für ein gutes Arbeitsklima.

Gerade mit dieser Anforderung an Kollegialität und Professionalität in der Zusammenarbeit scheint der Maßregelvollzug besondere Potenziale für die berufliche Entwicklung und professionelle Spezialisierung im Team zu bieten. Durch planvolle Investitionen in die Personalentwicklung, beispielsweise zu Teamentwicklung über Berufsgruppen hinweg, können Träger von Einrichtungen dieses Potenzial der multi-professionellen Zusammenarbeit nutzen. Der professionelle Kompetenzzuwachs über die Grenzen der eigenen Berufsgruppe hinaus und die Stärkung der Kollegialität durch die Kenntnis der Arbeitsroutinen und –anforderungen der anderen Professionen erhöhen die Arbeitszufriedenheit. Darin liegt auch viel Gestaltungsraum für die Förderung einer Kultur der gegenseitigen Anerkennung und Wertschätzung.
Die Träger haben die Aufgabe, die institutionellen Bedingungen für die multiprofessionelle Zusammenarbeit zu sichern. Vor allem mit einer an den Kooperationserfordernissen orientierten Organisation von Arbeitszeiten kann die reibungslose Aufgabenerfüllung der unterschiedlichen Berufsgruppen gefördert werden. Unterschiedliche Arbeitszeitschemata, wie Schichtdienst im Pflegebereich und Kernarbeitszeiten für die medizinischen und pädagogischen Berufsgruppen, erfordern zum einen die aufgabenorientierte Abstimmung durch die Leitungen. Bestehende Ungleichzeitigkeiten bergen zum anderen ein hohes Konflikt- und Frustrationspotenzial, das auch die für das Arbeitsklima wichtige kollegiale Haltung beeinträchtigen kann, wie die Ergebnisse des Projekts bezüglich der Aussagen der Beschäftigten zu Gründen der Arbeitsbelastungen gezeigt haben.

Die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten im Maßregelvollzug wurden insbesondere von älteren Arbeitnehmer/innen ohne Familienverpflichtungen als Stärke des Arbeitsplatzes genannt. Dies kann dahingehend verstanden werden, dass die Gruppe der Beschäftigten, die ihre Familienplanung abgeschlossen haben, eine besonders motivierte Zielgruppe für berufliche Weiterbildungen und fachlich orientierte Teamprozesse ist. Dazu gehören insbesondere die vormals in Familienarbeit stark eingebundenen in Teilzeit beschäftigten Frauen.

2.2. Gewinnung von Fachkräften durch Lebenslagenorientierung in der Arbeitsorganisation
Wie im Pflegebereich allgemein ist die Gewinnung von Fachkräften aktuell eine besondere Herausforderung. Die Arbeit in der Forensischen Psychiatrie hat gleichwohl den Pluspunkt im Bereich Pflege, dass die körperliche Belastung aufgrund der weitgehenden physischen Selbstständigkeit der Patient/innen vergleichsweise gering ist. Eine weitere Besonderheit, die jedoch die bedarfsgerechte Personalgewinnung erschwert, ist das Geschlechterverhältnis im Maßregelvollzug einerseits und das auf dem pädagogisch-pflegerischen Arbeitsmarkt andererseits. Im Maßregelvollzug besteht aufgrund seiner weitgehend männlichen Klientel ein besonderer Bedarf an männlichen Fachkräften. Eine ausgewogene Repräsentation von Männern im pädagogisch-pflegerischen Dienst ist zum einen aufgrund der Bedarfe der männlichen Patienten therapeutisch begründet, zum anderen wird sie von den Beschäftigten, insbesondere im Schichtdienst, als sinnvoll erachtet.

Das Verhältnis von Arbeitsphasen und garantiert arbeitsfreier Freizeit stand bei der Bewertung der Organisation von Arbeitszeit im Mittelpunkt. Die Präferenzen, wie diese Phasen idealerweise angeordnet sein sollten, unterschieden sich hierbei vor allem entlang des Merkmals Alter und Geschlecht. Während lange intensive Arbeitsphasen mit längerem Freizeitausgleich dem Bedürfnis eher jüngerer Beschäftigter und tendenziell auch den von Männern entgegen kommen, wünschten sich Ältere eine gleichmäßigere Verteilung von Belastung und Ausgleich. Frauen waren weniger eindeutig in ihren Präferenzen, so dass bei ihnen beide Ansätze in etwa ausgewogen Zustimmung fanden.

Es wurde auch deutlich, dass das Engagement der Leitungskräfte, die individuellen familiären Verpflichtungen und sozialen Einbindungen bei der Arbeitsplanung im Detail zu berücksichtigen, von den Beschäftigten besonders honoriert wird. Die Leitung kann hiermit wesentlich zur Zufriedenheit des Personals beitragen.

Die Organisation der Arbeitszeit, so wurde durch das Projekt bestätigt, ist zentral für die Bewertung der Attraktivität des Arbeitsplatzes und der Qualitäten des Arbeitgebers. Sie bietet somit auch für die gezielte Gewinnung von Personal Profilierungsmöglichkeiten. Die mitarbeiterorientierte Ausrichtung des Personalmanagements an konkreten zeitlichen Anforderungen der unterschiedlichen Beschäftigtengruppen entsprechend ihrer Lebenslage (z.B. Verantwortung für Angehörige oder Familieneinkommen, individuelle Leistungsfähigkeit, berufliche Entwicklungsinteressen, u.a.) erfordert eine hohe Flexibilität bei der Umsetzung von Arbeitszeitmodellen. Die zahlt sich jedoch durch die Zufriedenheit der Beschäftigten und durch eine hohe Attraktivität des Beschäftigungsverhältnisses wieder aus.

Im Projekt zeigte sich, dass die Beschäftigten recht genau zwischen den Bereichen zu unterscheiden wussten, die sie z.B. durch ihr Engagement für Kollegialität und Teamgeist beeinflussen können, und denen, die in der Verantwortung der Träger und Leitungen der Einrichtung liegen. Zu Letzterem gehört z.B. die Gestaltung der institutionellen und arbeitsorganisatorischen Rahmenbedingungen. So galten die Nicht-Besetzung von Stellen, die befristete Besetzung oder die Anstellung von Hilfskräften als Hauptursachen für die gestiegene Arbeitsbelastung. Das Prestige als attraktiver Arbeitsgeber wird also auch davon beeinflusst, wie sichtbar und transparent der Träger und sein Leitungspersonal diese Verantwortung annehmen und praktisch gestalten.

Durch die Zuweisung der Verantwortung verweisen die Beschäftigten zudem auf die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Diese klare Haltung der Beschäftigten bietet Spielräume für das Leitungspersonal des Trägers, die Verhandlungsposition für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Forensischen Psychiatrie gegenüber politischen Institutionen und Entscheidungsträger/innen zu stärken.

2.3. Der Beitrag der Beschäftigten zur Leistungsfähigkeit des Maßregelvollzugs
Die Arbeit in der Forensik enthält eine große Bandbreite an Aufgaben, die sich über die hoheitliche Verantwortung bis hin zu heilenden, therapeutischen und anderen personennahen Dienstleistungen erstreckt. Durch die Tätigkeit in einer Klinik für Forensische Psychiatrie wird immer sowohl Dienst an der Gesellschaft als auch Dienst am Patienten geleistet. Diese Kombination aus gesellschaftlich und sozial sinnvoller Tätigkeit ist eine Quelle für die intrinsische Arbeitsmotivation der Beschäftigten. Diese wissen sie (bisher) auch gegen schwierigere Arbeitsanforderungen und zunehmend schlechtere Rahmenbedingungen, wie z. B. das gesellschaftliche Klima in Bezug auf den Maßregelvollzug, zu verteidigen.

Eine der schwierigen Anforderungen in der Forensischen Psychiatrie ist die weitergehende Professionalisierung in Therapie und Pflege, während gleichzeitig die Rahmenbedingungen erschwert sind. So hat sich in den letzten Jahrzehnten das Klientel der Forensischen Kliniken verändert: Nach Einschätzung des Personals haben die Schwere der Straftaten und die Gewaltbereitschaft der Patient/innen tendenziell zugenommen. Außerdem sind die Patient/innen ethnisch und kulturell sehr viel heterogener. Dies führt unter anderem zu Kommunikationsproblemen. Gleichzeitig haben sich die Vorgaben für den Umgang mit den Patient/innen verändert. Neben der allgemeinen Entwicklung der Professionalisierung in Pflege und Therapie mit anspruchsvolleren Aufgaben insbesondere für das pädagogisch-pflegerische Personal wurden – nicht zuletzt aufgrund öffentlichen Drucks – zunehmend höhere Sicherheitsstandards gefordert. Diese erschweren die Rehabilitationsbedingungen.

Durch eine Kultur der Anerkennung und einen bewussten Umgang mit dem Beitrag, den die Beschäftigten durch ihre professionelle Arbeit und ihr Engagement für das Arbeitsklima für die Funktionsfähigkeit des Maßregelvollzugs leisten, kann die Leitung den konstruktiven Umgang mit diesen besonderen Anforderungen fördern. Ein Teil einer strategischen Außendarstellung der Träger könnte daher sein, die gesellschaftliche und soziale Bedeutung des Maßregelvollzugs selbstbewusst öffentlich zu vertreten und den Beitrag der Beschäftigten zur Aufgabenerfüllung sichtbar zu machen. Ein Forum hierfür ist der Beirat.

Insbesondere in politischen Verhandlungen über Ausstattung in Relation zu Aufgabe und Verantwortung ist die Leistung der Beschäftigten, die die Reduktion von Mitteln bisher ausgleicht, als geldwerter Beitrag sichtbar zu machen. Gleichzeitig sind die Belastbarkeitsgrenzen für die Mobilisierung der intrinsischen Motivation genau zu benennen.

2.4. Bauliche Gestaltung als Ausdruck des institutionellen Selbstverständnisses
Als Einrichtung des Maßregelvollzugs ist die Forensische Psychiatrie sowohl Vollzugsanstalt als auch Krankenhaus. Ersteres erfordert bauliche Maßnahmen, um die Sicherheit zu gewährleisten, letzteres um die alltagsgestalterischen, pflegerischen, therapeutischen und rehabilitativen Anforderungen zu erfüllen. Die Forensische Psychiatrie ist damit sowohl Klinik mit besonderer Sicherung als auch Wohn- und Lebensort. Der Maßregelvollzug ist darüber hinaus auch Arbeitsplatz. Die unterschiedlichen Berufsgruppen müssen die Sicherheitsvorkehrungen streng beachten und sich der Abgeschlossenheit ihrer Arbeitsräume für einen großen Teil ihrer Lebenszeit als Arbeitszeit aussetzen.

Diesen Anforderungen, die Funktionen des kustodialen Auftrags, des Alltagslebens und des Arbeitsplatzes miteinander zu vereinen und in Einklang zu bringen, kann mit vielfältigen architektonischen Lösungen entsprochen werden. Welcher Funktion der optische, ästhetische Vorrang gegeben wird, ohne die anderen zu vernachlässigen, bedarf einer bewussten Entscheidung der Träger. Sie hängt ab von dem Verständnis von der Aufgabenerfüllung, den Haltungen gegenüber den untergebrachten Patient/innen und den medizinischen und pflegerischen Leitbildern der Klinik. Die architektonische Gestaltung, in der diese Aspekte gleichberechtigt berücksichtigt werden, eröffnet viel Handlungsspielraum, die Arbeitsplätze attraktiv zu gestalten. Öffentliche Gebäude mit hohen Sicherheitsanforderungen, wie Botschaften oder Regierungsbauten, sind ein Beispiel dafür, dass unterschiedliche Funktionalitäten architektonisch in Übereinstimmung gebracht werden können.

Ein zentrales Ergebnis des Projekts ist die weithin schon bekannte Erkenntnis, dass es von unschätzbarem Wert bei jeder Planung ist, das Erfahrungswissen derjenigen, die in den Gebäuden leben und arbeiten sollen, systematisch einzubeziehen. Durch Unkenntnis oder oberflächliches theoretisches Wissen zu konkreten und alltäglichen Funktionen und Arbeitsabläufen bei der (Um-)Bauplanung können dysfunktionale Räumlichkeiten geschaffen werden, in denen die Aufgabenerfüllung erschwert ist. Belastungen der Beschäftigten, z. B. in Bezug auf die Umsetzung pädagogisch-pflegerischer Konzepte, können durch räumliche Bedingungen verstärkt werden.

Mit partizipativen Methoden der Organisationsentwicklung in der Planung, z. B. bei Neubau oder Umbau, können strukturiert sowohl das Erfahrungswissen als auch die Kenntnisse zu professionellen und alltäglichen Anforderungen an die Architektur von den Beschäftigten und Patient/innen einbezogen werden.

3. Expertise der Beschäftigten als Ressource für die Entwicklung der Attraktivität der Arbeitsplätze
Im Projekt zur Attraktivität der Arbeitsplätze in der Klinik für Forensische Psychiatrie Klingenmünster ist deutlich geworden, dass die Stärken des Arbeitsortes Maßregelvollzug gerade in den anspruchsvollen Rahmenbedingungen und besonderen professionellen Herausforderungen liegen können. Innovative Ansätze der Organisationsentwicklung können helfen, das Erfahrungswissen und die fachliche Expertise der Beschäftigten zu erheben und dabei die unterschiedlichen Lebenslagen und professionellen Perspektiven erkenntnisbringend zu nutzen, um die Arbeitsplatzattraktivität zu erhalten und weiterzuentwickeln. Der von der Geschlechter- und Wirkungsforschung zu Sozialpolitik inspirierte analytische Ansatz des lebenslagenorientierten Gender Mainstreaming hat sich hierbei aufgrund seiner Zielgruppendifferenziertheit und der Umsetzungsorientierung als besonders ertragreich erwiesen. Das analytische Konzept des am Lebenslagen-Ansatzes orientierten Gender Mainstreaming beinhaltet partizipative Methoden, um gemeinsam mit den Angehörigen der Institution die Wissensgrundlagen und Lösungsansätze zu erarbeiten, die in der Praxis taugen und die das Potenzial haben, sich nachhaltig im Arbeitsalltag zu bewähren. Auch bei engen, institutionellen Grenzen, wie sie für den Maßregelvollzug typisch sind, können so neue Perspektiven eröffnet werden und charakteristische Eigenschaften einer Organisation als Stärken zur Gestaltung der Handlungsspielräume genutzt werden.